Hippies und heilige Kühe – die Strände von Gokarna

Weißer Strand und heilige Kühe - Gokarna

Wir haben uns heuer zu Weihnachten ein Ticket zu einem Nachtzug geschenkt. Wir wollen endlich wieder ans Meer. Baden, chillen, raus aus der Stadt. Wir stehen in Kochi am Bahnhof Ernakulam Town am Reservierungsschalter und freuen uns riesig, als wir schließlich das Ticket Richtung Gokarna in der Hand halten.

Hier müssen wir wohl kurz erklären, warum das so ein großes Ding war.

Wie man eine Reservierung für ein Zugticket bekommt:

Über das Zugfahren in Indien könnten wir einen eigenen Blogpost schreiben, soviel wissen wir mittlerweile darüber. Hier das Wichtigste kurz zusammengefasst:
Eine Information, die wir auf einem Blog gelesen haben war, dass alle Langstreckenzüge auf Monate im voraus ausgebucht sind. Naiverweise haben wir das nicht so ganz geglaubt. Das wird schon klappen dachten wir uns und mussten lernen: nö, so einfach ist das nicht. Nirgendwo gelesen haben wir, dass 20% der Plätze im Zug nicht im voraus reserviert werden können. Diese Plätze werden in verschiedene Kontingente aufgeteilt, unter anderem ins Tatkal-Kontingent. Dieses wird am Vortag um 10:00 Uhr Morgens am Bahnhof und um 11:00 Uhr in den Travel-Agencies freigeschaltet. Die Agencies schlagen auf den Preis gerne 100% drauf, deshalb wollten wir unser Ticket am Bahnhof besorgen.

Folgende vorgehensweise ist am Bahnhofsschalter empfehlenswert:

  • Sei einen Tag vor gewünschtem Reisedatum, sobald der Reservierungsschalter öffnet, am Bahnhof.
  • Erkundige dich schon vorher, welche Strecke du fahren möchtest, z.B. auf dieser Seite indiarailinfo.com, Zugnummer und Name des Zuges sind essentiell.
  • Fülle das Antragsformular so vollständig wie möglich aus, und stell dich am Schalter an.
  • Wenn du dran kommst, wird dein Antrag durchgeschaut, Pass und Visa überprüft.
  • Das Formular wird abgestempelt und zwei Ziffern vermerkt. Diese stehen für den Schalter sowie deinen Platz in der Schlange, sobald um 10:00 Uhr das Tatkal-Kontingent geöffnet wird.
 Achtung: es versucht bestimmt irgendjemand deinen Platz streitig zu machen. Hier muss man auf seine Position bestehen, sonst wird das nichts mit den Tickets. 

 

Am 2. Weihnachtsfeiertag um 20:30 besteigen wir den Zug. Es ist für uns beide der erste indische Nachtzug. Nicht dass sich diese in ihrer Ausstattung von den Tagzügen unterscheiden, aber es ist eine ganz andere Erfahrung. Nach 13 Stunden Zugfahrt und auch nicht unerheblich langer Zugnichtfahrt erreichen wir schließlich die Ankola Railway Station. Jetzt ist es nur noch eine kurze Riksha Fahrt, bis zu unserem Ziel.

Gokarna und seine Strände

Gokarna ist eine heilige Stadt und für Hindus ein bedeutender Pilgerort. Die wunderschönen Strände haben Gokarna unter Touristen berühmt gemacht. Der lange Hauptstrand von Gokarna wird bis heute für rituelle Waschungen genutzt.

Der lange Hauptstrand von Gokarna

Pilger auf dem Weg zum Tempel in Gokarna

Details im Ort Gokarna

Kudle Beach ist der Strand mit den meisten Unterkünften, hier steigt ein Großteil der Touristen ab. Unterkünfte gibt es hier von luxuriös mit Pool bis hin zu einfachen Hütten mit Gemeinschaftsklo.

Kudle Beach Gokarna

Der Strand ist relativ sauber (außer vielleicht an Silvester), auch im Wasser findet man selten Müll.

Hinter Kudle kommen noch der Ohm-, Half Moon- und Paradise Beach, mit abnehmender Anzahl an Unterkünften und Restaurants in dieser Reihenfolge. Am Paradise Beach gibt es nicht einen einzigen Chai-Shop. Wer hier den Tag verbringen möchte, muss sich selbst genügend Wasser und Verpflegung mitnehmen. Die Strände sind miteinander verbunden, und man kann bequem vom Kudle Beach zum Ohm Beach laufen. Zunächst über die Treppen und ab dem Felsen immer den Pfeilen nach. Vom Om Beach nimmt man sich dann entweder ein Wassertaxi rüber zum Halfmoon bzw. Paradise Beach oder man wagt eine kleine Kletterpartie über die Hügel.

Gokarna - Ohm Beach

Gokarna – Ohm Beach

Gokarna - Halfmoon Beach

Wir haben am Kudle Beach gewohnt, in einer netten Anlage, ein bisschen vom Strand weg, also nicht in erster Reihe. Leider ist die Frontrow am Kudle Beach mittlerweile komplett verbaut. Es reihen sich Restaurant an Restaurant, meist mit einfachen mietbaren Hütten dahinter. Die Restaurants unterscheiden sich wenig, die Speisekarten sind nahezu identisch. Auch in punkto Qualität konnten wir leider keine nennenswerten Unterschiede feststellen. Schnell fühlte sich alles irgendwie nach Einheitsbrei an.

Der Strand selbst ist schön breit, das Wasser wird nur langsam tiefer, man kann sehr weit rein laufen. Vermutlich ist dieser Strand auch deshalb bei Familien so beliebt, definitiv kinderfreundlich. Am Nord- und Südende säumen Kliffs und Felsen die große Bucht. Jeden Abend kommt zum Sonnenuntergang ein große Gruppe Menschen am Strand zusammen. Es wird musiziert, jongliert und ähnliches, Tee und Gebäck sowie Schmuck wird zum Verkauf angeboten. Kinder rennen umher, Strandhunde gesellen sich dazu und nicht selten schauen auch Kühe vorbei. Teils schon fast exibitionistisch vollführen manche ihre akrobatischen Yogaposen. Kurz: Hoher Hippieanteil und teils nicht unerheblicher Körperkult.

Kuddle Beach

Man trifft sich zum Sonnenuntergang am Kudle Beach

Man trifft in Gokarna viele Longtimer, also Leute die sich regelmäßig für längere Zeit dort einquartieren, so auch unsere Nachbarn. Von Patrick erfuhren wir neben diversen Tips zu Wegen und möglichen Aktivitäten auch interessante Geschichten über Gokarna und die Veränderungen in den letzten Jahren. Ich (Steffen) war vor acht Jahren schon einmal dort und erinnere mich, dass es am Paradise Beach Unterkünfte gab. Diese waren aber illegal und wurden vor einigen Jahren von einem Abrisstrupp mit Vorschlaghämmern kurz und klein gehauen. Heute sind nur noch die Zementsockel der ehemaligen Hütten zu sehen.

Gokarna - Welpen und Kälbchen

Es herrscht kein Mangel an Welpen und Kälbchen in Gokarna

Silvester am Kudle Beach

Der größte Wandel in Indien dieser Tage ist aber die steigende Anzahl Inder, die es sich leisten können, zu reisen, und das in ihrem eigenen Land auch gerne machen. So voll wie Kudle Beach an Silvester war, war es laut Aussagen mehrerer Longtimer noch nie. In Heerscharen kamen große Gruppen hauptsächlich männlicher Inder aus den Städten angereist, um Silvester am Strand zu verbringen.

So wirklich kamen wir aber nicht in Kontakt. Die Gespräche verliefen nach einem immer ähnlichen Muster: Wo wir herkommen wollen die meisten wissen – Deutschland. Oh, Deutschland ist gut. Was wir arbeiten in Deutschland? Grafikdesignerin – betretene Gesichter, System-Administrator – die Gesichter hellen sich auf. Was sie arbeiten? Programmieren oder bald fertig mit Informatik studieren. Warum alle Programmierer sind? Naja, da findet man halt am einfachsten einen Job.

Sämtliche Unterkünfte waren um die Feiertage ausgebucht, am Strand wurden zusätzlich Zelte aufgeschlagen. Die Zeiten, wo man dem Trubel um Weihnachten und Silvester in Goa nach Gokarna entfliehen konnte, sind auf jeden Fall vorbei. Natürlich schlägt sich die gesteigerte Nachfrage nach Unterkünften um die Feiertage auch auf den Preis nieder. Unsere Hütte kostete statt normal 800 Rupies stolze 1500, das hat uns unser Host direkt erklärt.

Der Kudle Beach ist das Gegenteil von einem Party-Strand. In den meisten Strand-Restaurants wird, wenn überhaupt, nur leise Musik gespielt. Es gibt keine Konzerte, keinen Nachtclub oder ähnliches. Bier und anderer Alkohol sind eigentlich verboten. Manche Restaurants verkaufen ihn trotzdem, zu überteuerten Preisen. Wenn die Polizei am Strand patroulliert, kann es sein, dass es auf einmal nirgendwo mehr Bier gibt. Vorsichtig muss man auch sein, wenn man ein Bier direkt am Strand trinken möchte. Wir haben mitbekommen, wie eine Gruppe von vier jungen Indern, unmittelbar neben uns am Strand, von einem Polizisten in Zivil dafür “belangt” wurde, ein Bier zu trinken. Sie mussten 2000 Rupien bezahlen, um aus der Sache rauszukommen. Die Inder antworteten uns auf unser Frage, warum gerade sie und nicht wir (wir tranken auch ein Bier) von dem Polizisten zur Kasse gebeten wurden: “Weil wir Hindi sprechen und nicht aus Karnataka sind”. (Haupt- und Amtssprache Karnatakas ist Kannada, Hindi wird im Norden Indiens gesprochen)

Weg zwischen Kuddle Beach und dem Ort

Weg zwischen Kudle Beach und dem Ort

Kurz nach Silvester war dann alles wieder wie umgedreht, der Strand leer gefegt, kaum ein Mensch im Wasser. In den Restaurants konnte man wieder einigermaßen schnell Essen bestellen und serviert bekommen (nach indischen Maßstäben selbstverständlich). Der Kudle Beach kehrte zurück zu seiner verschlafenen gemütlichen Atmosphäre, mit meditierenden und Yoga praktizierenden Hippies am Strand.